Mehr als nur gute Nachbarn
Claudio und Stephanie Kochendörfer, Anne-Rose und Thomas Walther.
Die Hotels Walther und Albris gehören zu Pontresina wie die Butter-Vanillecreme in die Engadiner Torte. Die Traditionshäuser haben eine spannende und gemeinsame Geschichte.
Wir schreiben das Jahr 1905. In weiten Teilen Europas herrscht Aufbruchstimmung. Es ist die Zeit der Belle Époque, der Wohlstand steigt und immer breitere Bevölkerungsschichten können sich das Reisen leisten. In Pontresina entstehen prächtige Hotelbauten, die das Dorfbild bis heute prägen.
Auch im Oberdorf wird visionär gedacht. Claudio Saratz, der das eher beschauliche Hotel Steinbock führt, ist im Begriff, ein grosses Hotel nebenan zu bauen. Sieben Stockwerke hoch, mit spitzen Türmen und vielen Rundbögen, wie es für den Jugendstil typisch ist. Ein kleines Grand Hotel, das selbstbewusst Hotel Palace heissen soll.
Gleichzeitig erwirbt Fritz Kochendörfer, eingewanderter Bäcker aus Württemberg, ein Grundstück gegenüber. Er plant hier eine grosse Bäckerei zu bauen, die Gäste brauchen ja nicht nur warme Betten und schöne Salons, sondern auch gutes Brot und feines Gebäck. Eine Bäckerei in direkter Nachbarschaft passt Saratz jedoch nicht. Er hat Bedenken wegen der Rauchemissionen, die so ein Grossbackofen damals ausstösst, und versucht den Bau zu verhindern.
Rauch oder Glockengeläut?
Es folgt ein Streit mit regem Briefwechsel, der in den Hotelarchiven dokumentiert ist. Schliesslich einigen sich die beiden Parteien. Denn Kochendörfer hat ein schlagkräftiges Argument: Ansonsten werde er sein Grundstück der katholischen Kirchgemeinde verkaufen. Der erzreformierte Saratz lenkt ein – lieber etwas Rauch in der Luft als katholischer Glockenschlag vor der Haustür. Für den entstandenen Zeitverlust verlangt der geschäftstüchtige Fritz Kochendörfer einen exklusiven Brotliefervertrag für die nächsten zehn Jahre. Im Gegenzug werde er die Kamine zwei Meter höher errichten und seinen Ofen mit Koks einfeuern, was weniger Rauch verursacht.
Die gemeinsame Familiengeschichte beginnt 1945.
So wird das Hotel Palace 1907 fertiggebaut, ein Jahr später steht auch die Bäckerei Kochendörfer. Es folgen einige gute Geschäftsjahre, bis 1914 der 1. Weltkrieg ausbricht. Im selben Jahr stirbt Saratz nach schwerer Krankheit – und seine Hotels gehen in den Besitz der Graubündner Kantonalbank über. Auch Fritz Kochendörfer ist gesundheitlich angeschlagen und scheidet 1927 mit nur 56 Jahren aus dem Leben. Sein Sohn Oscar übernimmt daraufhin die Verantwortung in der Bäckerei, die inzwischen mit einem Gasthaus erweitert worden ist.
Nachbarn und enge Freunde
Die Zeiten bessern sich erst mit dem Ende des 2. Weltkriegs. Im Juni 1945 ernennt die Kantonalbank Hans und Mary Walther zum Direktionspaar der Hotels Palace und Steinbock. Später können sie zuerst das Steinbock (1948) und schliesslich auch das Palace (1957) erwerben. Letzteres wird in der Folge zum Walther-Palace und schliesslich zum Hotel Walther, wie wir es heute kennen. Oscar Kochendörfer und seine Frau Félicie begrüssen ihre neuen Nachbarn freundlich und es beginnt eine enge Freundschaft zwischen den Familien Walther und Kochendörfer, die bis heute anhält. Hans und Oscar spielen oft zusammen Curling, als Hotelunternehmer setzen sie sich gemeinsam für den Tourismus ein und treiben zum Beispiel den Bau der Diavolezza-Bahn voran.
19. Oktober 1973
Christian Walther hält eine Rede zur Hochzeit von Agnese und Oscar Kochendörfer junior. Oscar senior hört aufmerksam zu.
Unterschiedliche Hotels, aber die gleiche Philosophie.
Gemeinsame Bauprojekte
Die Freundschaft geht auch auf die Kinder über, insbesondere auf Christian Walther und Oscar Kochendörfer junior. Die beiden sind schon im Kindergartenalter beste Freunde und bleiben es bis zu ihrem Lebensende. Sie fahren zusammen Ski, besteigen Berge und unternehmen Reisen; sie engagieren sich im Schützenverein, im Kurverein und für vieles andere mehr. Auch die Hotelfachschule in Lausanne besuchen sie zur selben Zeit – mit dem Ziel, dereinst die elterlichen Betriebe führen zu können. 1963 übernehmen Christian und seine Frau Barbara die Hotels Walther und Steinbock. Oscar junior und seine Frau Agnese führen das Hotel Albris und die Bäckerei Kochendörfer ab 1973. Barbara und Agnese sind ebenfalls eng befreundet und spielen bis heute regelmässig Bridge zusammen.
Die drei Hotels entwickeln sich weiterhin gut. Auch wenn die Betriebe eine ganz unterschiedliche Ausrichtung haben, verfolgen die Walthers und Kochendörfers die gleiche Philosophie: Sie kümmern sich gut um ihre Mitarbeitenden und Stammgäste, reinvestieren kontinuierlich in ihre Häuser und engagieren sich für den Tourismus und die Hotellerie im Tal.
1975 bauen die Hotels Walther und Steinbock sowie Albris und Bernina das Personalhaus Chesa Allegria. Der Name Allegria (= Freude) ist nicht zufällig gewählt. Im Haus soll Freude herrschen und sich so auf die Hotelgäste übertragen. Ein weiteres gemeinsames Bauprojekt folgt 2013: ein Parkhaus mit 130 Parkplätzen.
Eng verbunden bis heute
Wie freundschaftlich und unkompliziert die Beziehungen zwischen den Hotels sind, erzählt Thomas Walther mit einer Anekdote: «Die Chesa Allegria ist in Stockwerkeigentum aufgeteilt. Doch in all den Jahren hielten wir noch nie eine offizielle Sitzung, ganz einfach, weil wir nie etwas Schwieriges zu besprechen haben. Manchmal, wenn wir bei einem Feierabendbier sitzen, witzeln wir, wir könnten doch jetzt eine Sitzung machen – und gehen dann gleich zu Varia über und stossen an.»
Thomas ist der jüngste Sohn von Christian Walther. Zusammen mit seiner Frau Anne-Rose führt er die beiden Hotels seit 1997. Über die Freundschaft zu Stephanie und ihrem Bruder Claudio Kochendörfer – sie leiten das Hotel Albris seit 2001 – sagt er: «Ich schätze ihre Ehrlichkeit und Offenheit und auch den spitzbübischen Geschäftssinn, der vor allem die Kochendörfer-Männer über alle Generationen ausgezeichnet hat.»
Die Verbundenheit der Walthers und Kochendörfers zeigt sich nicht zuletzt in Götti-Beziehungen: Christian Walther war der Götti (Patenonkel) von Stephanie Kochendörfer. Oscar Kochendörfer junior war der Götti von Martina Walther. Thomas Walther ist der Götti von Ellen Kochendörfer, Claudios ältester Tochter. Eine besondere Verbindung entsteht zudem durch Annina Walther: Die jüngste Tochter von Thomas und Anne-Rose arbeitet als Konditorei-Chefin im Hotel Albris.
Auf dem Piz Palü
Christian und Oscar gingen zusammen durch dick und dünn – und auf hohe Berge. Das Hanfseil trugen sie einfach um den Bauch gebunden.