Mykhailo war schon vieles in seinem Leben: Matrose, Croupier im Casino und bis vor Kurzem Küchengehilfe im Hotel Albris. Ab diesem Winter ist er als Kellner im grossen Speisesaal tätig.
Im Arvensaal des Hotels Albris ist es ruhig geworden. Die Frühstückszeit ist vorbei und das Servicepersonal bereitet die Tische fürs Abendessen vor. Auch Mykhailo Stetsenko hilft mit. Der 35-Jährige trägt acht Weingläser in der rechten Hand und stellt sie mit der linken ans Gedeck – schön oberhalb des Messers, wo sie hingehören. Mykhailo, der aus der Ukraine stammt, hat eine kräftige Statur und einen aufmerksamen Blick. Im Hotel Albris arbeitet er seit vier Saisons. Bisher gehörte er zur Küchenequipe, spülte Geschirr und Pfannen ab, half beim Rüsten von Gemüse und kümmerte sich um Lagerbestände.
Er sagt von sich, er sei ein «Multiworker», der verschiedenste Arbeiten ausführen kann und gerne dazulernt. Entsprechend viele Jobs hatte er in seinem Leben schon. Er schuftete als Matrose auf Frachtschiffen, fuhr vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer und bis ins Rote Meer. Auch im Verkauf, in der Administration oder auf dem Bau war er schon tätig. In der Ukraine arbeitete er zuletzt als Croupier in Casinos.
Bomben und Drohnen
«Diese Vielseitigkeit merkt man ihm an», sagt Stephanie Kochendörfer. «Er lernt schnell und hat ein gutes Gespür im Umgang mit Gästen. Dazu spricht er Englisch und auch etwas Deutsch. Daher haben wir uns entschieden, Mykhailo ab diesem Winter im Service für die Hotelgäste einzusetzen.» Dieser freut sich auf die neue Herausforderung. Im Sommer durfte er schon etwas üben, und es hat ihm gut gefallen: «Ich mag den Kontakt mit Gästen, zudem bin ich als Kellner immer schön angezogen – wie damals als Croupier.»
Die Zeit in den Casinos habe er jedoch nicht nur in guter Erinnerung, und Mykhailo beginnt zu erzählen: «Als der Krieg losging, arbeitete ich in Charkiw, in der Nähe der russischen Grenze. Jede Nacht hörte und sah ich, wie die Bomben einschlugen. Es war schrecklich. Also ging ich zurück nach Odessa, in meine Heimatstadt im Südwesten des Landes. Aber auch dort explodierten Bomben, Drohnenangriffe waren an der Tagesordnung, denn Odessa ist eine strategisch wichtige Hafenstadt.»
Schwierige Jobsuche
Mykhailo entschied sich, sein Land zu verlassen, nicht nur wegen der Bombardierungen, sondern auch wegen der Rekrutierungstruppen, die nach jungen, kräftigen Männern wie ihm Ausschau hielten. «Doch ich wollte nicht in den Krieg ziehen und sterben.» Zusammen mit seiner Grossmutter, Mutter und seinem Bruder floh er über die nahe Grenze nach Moldau. Seine Familie zog nach Deutschland weiter, aber Mykhailo wollte in die Schweiz, da seine damalige Freundin, auch eine Ukrainerin, bereits in St. Moritz war. Sein Weg führte ihn in den Raum Zürich, wo er von einem Flüchtlingszentrum ins nächste verschoben wurde. Mykhailo war alleine unterwegs und musste an jedem Ort neue Kameraden finden. In einer dieser Unterkünfte, einem Schutzbunker, sei sogar mal Feuer ausgebrochen, erzählt er. In Langnau am Albis konnte er sich schliesslich registrieren und erhielt eine vorübergehende Aufenthaltsbewilligung (Ausweis S für Schutzbedürftige).
Mit diesem Ausweis darf er arbeiten, doch einen Job zu finden, war schwierig. Er bewarb sich erfolglos rund um Zürich und durchsuchte auch Stelleninserate im Engadin, da er zu seiner Freundin wollte. Dabei stiess Mykhailo auf ein Inserat des Hotels Albris. Mitten in der Wintersaison war ein Küchenmitarbeiter ausgefallen. Mykhailo schrieb eine E-Mail und erhielt kurz darauf einen Anruf von Stephanie Kochendörfer.
Crossfit zum Ausgleich
Im Hotel Albris gefällt es ihm gut. «Die Stimmung ist freundlich und positiv. Ich habe ein schönes Zimmer und ein gutes Gehalt. Ich kann dankbar sein.» Zudem mag er die Berge und die schöne Natur. Nur eine eigene Küche vermisst er manchmal, um ukrainische Spezialitäten wie Borschtsch (Suppe mit Roter Bete und Weisskohl) oder Warenyky (eine Art Ravioli mit Fleischfüllung) zu kochen. «Das Essen im Hotel Albris ist natürlich auch sehr lecker», schmunzelt er. «Ich kann jeden Tag hier essen, sogar wenn ich frei habe.»
In der Freizeit geht Mykhailo viel ins Crossfit, das brauche er als Ausgleich. Wintersport zu treiben, gefällt ihm ebenfalls. Alles habe er schon ausprobiert: Ski, Snowboard, Langlauf. «Aber es braucht viel Zeit, um es zu lernen.» Der junge Ukrainer kann sich somit gut vorstellen, noch länger in Pontresina zu bleiben. «Es wäre schön, in Zukunft auch die À-la-carte-Gäste im Restaurant zu bedienen, doch dazu muss ich wohl noch besser Deutsch lernen.» Seine Zukunft hängt nicht zuletzt von den Entwicklungen in seiner Heimat ab. Er kann nur hoffen, dass der Krieg bald vorbei ist.